Presse
 


Die Macht der Stereotypen

November 2006

In letzter Zeit fällt mir immer häufiger auf welche Macht bestimmte Worte oder subjektive Interpretationen in den Massenmedien auf unser Denken haben; sie lenken unser Denken in eine einzige Richtung ohne Platz für andere Interpretationen oder Zweifel zu lassen oder sich die Mühe zu machen, alle Seiten und Perspektiven eines Themas zu berücksichtigen.

Kennen Sie das Wort “Stereotyp”? Ich persönlich, obwohl ich dieses Wort sogar in meinem Wortschatz habe, habe es erst vor einigen Jahren wirklich kennengelernt, anlässlich eines Kurses für professionelle Erzieher. Ein Stereotyp entsteht, wenn die Charakteristika und Verhaltensweisen einzelner Personen auf ganze Gruppen von Personen übertragen werden und ganz selbstverständlich vorausgesetzt wird, dass alle das gleiche denken und machen, weil Einzelne sich so verhalten. PIZZA,SPAGHETTI UND MANDOLINEN, ein typisches Stereotyp für Italiener. Vielleicht essen gar nicht alle 60 Millionen Italiener gerne Spaghetti oder Pizza und haben auch keine SchAllplattensammlung von Mario Merola zu Hause, aber sie müssen es sich trotzdem gefallen lassen, von vielen Menschen auf dieser Welt mit diesen Dingen assoziiert zu werden. Und hier noch eine Wagenladung anderer stereotypischer Feststellungen über Italiener: la Mamma, besondere “Schlawiner”, weinerlich, Mafiosi, ungenau, elegant, fussballverrückt, Ferrari, Künstler, Dichter und Schriftsteller, Träumer und Navigatoren, fluchen, katholisch, caffè, wilde Gestikulierer, laut, schlampig, kreativ, verschwätzt, offen, gesprächig, Lotto, abergläubisch, eifersüchtig, klein häßlich und schnurrbärtig, Verräter, feige, üppig, leidenschaftlich, Latin Lovers, zügellos, Kinder-Küche-Kirche, brave Leute, Arbeiter, Handwerker, Faschisten, schwach, Kommunisten, Don Camillo und Peppone, Genießer, Phantasie, Pläneschmiede, Mode, die schönsten Häuser..., italienisches Design, Architekten, Sportler, Folklore, etc...
Wahrscheinlich schaffen wir Stereotypen aus unserem Bedürfnis heraus, die komplizierte Wirklichkeit in der wir leben zu vereinfachen: wir sind von Tausenden von Leuten umgeben und es wäre vermutlich einfach zu anstrengend, jeden einzelnen als Individuum wahrzunehmen, als Träger einer persönlichen Kultur. Da ist es schon viel einfacher einen Menschen zu etikettieren und ihn in eine Schublade zu stecken: “Ah du kommst aus diesem Land? Dann denkst du sicher so und machst dies und jenes”.
Das Problem ist, dass sich diese Etiketten nur sehr schwer wieder entfernen lassen und auch wenn man es schafft, bleibt oft noch ein Teil davon kleben.
Ein Stadtviertel, in dem ab und zu Dinge zerstört werden oder vereinzelte Episoden von Intoleranz untere den Bewohnern geschehen, wird zum Problemviertel oder zu der Bronx von Bozen etc... Es wird jede Gelegenheit genutzt, um diese Interpretation zu verfestigen und in den Zeitungen häufen sich die Titel, die nur diese Perspektive zulassen.
Eine vollständige journalistische Berichterstattung müsste vielleicht das Argument aus 360 Grad beurteilen und die Fakten auf die objektivste Art und Weise darstellen. Objektiv heisst aber der Öffentlichkeit verscheidene Interpretationsmöglichkeiten anzubieten, die auch sehr unterschiedlich oder sogar widersprüchlich sein können. Die Menschen erkennen sich in vielen Artikeln nicht wieder und leiden unter dem Stereotyp. Es ist sicherlich schwer, oder sogar unmöglich alle Meinungen wiederzugeben aber man macht es sich auch zu leicht wenn man vorgibt, dass alle sich in einer einzelnen Wahrheit wiedererkennen müssen. In dieser Hinsicht haben die Massenmedien eine wichtige Funktion: sie können Steretypen schaffen aber sie können sie gleichzeitig auch richtigstellen indem sie eine vollständige und wahre Version der Geaschichte erzählen.
Manchmal hat man jedoch den Eindruck dass die Information sehr der Werbung gleicht: eine Nachricht, ob gut oder schlecht, muss verkauft werden; und für gute Verkaufszahlen bleibt schon mal die Objektivität auf der Strecke.
Das Risiko besteht also, dass ein Viertel die Bronx bleibt, weil es sich halt gut verkauft und nicht weil es den Fakten entspricht; auch wird in diesem Fall auf die Fakten verzichtet werden, die das Wohlergehen und die schönen Seiten wiederspiegeln.
Gerade wenn man die große Menge an Informationen bedenkt, die uns jeden tag erreicht ist es wichtig eine kritische und offene Denkweise zu bewahren – um sich zu schützen und um einen Zweifel aufrechtzuerhalten. Einen Zweifel damit wir nicht vergessen, uns Fragen zu stellen und nach Wahrheiten zu suchen, um die komplexe aber komplette Wirklichkeit zu suchen und zu erfahren.



Studienzentrum "Guido Antonin"
Verein "La Strada - Der Weg"
 
 

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